Cookson - "Integrität des Radsports ist wiederhergestellt"

Brian Cookson

Interview mit Brian Cookson

Cookson - "Integrität des Radsports ist wiederhergestellt"

Von Michael Ostermann

Im Interview mit der ARD spricht UCI-Präsident Brian Cookson über die Rückkehr der Tour nach Deutschland, den Anti-Doping-Kampf, versteckte Motoren und die Kontroverse um das Team Sky.

sportschau.de: Mister Cookson, die Tour de France startet heute in Deutschland. Welche Bedeutung hat das für Radsport insgesamt?

Brian Cookson: Wer hätte das vor vier Jahren gedacht. Die Tour de France wurde damals nicht einmal im deutschen Fernsehen übertragen. Es gab keine deutschen Teams, nicht sehr viele deutsche Fahrer. Jetzt haben wir die Tour de France hier in einer der schönsten Städte Deutschlands. Es waren schon viele Leute bei der Teampräsentation und ich bin sicher ist wird große Menschenmengen während der gesamten Zeit in Deutschland geben. Es wird ein großartiges Radsport-Wochenende.

Der Radsport in Deutschland hat nach dem Boom eine schwere Krise wegen der Dopingskandale erlebt. Sehen Sie diese Krise nun mit dem Tourstart endgültig überwunden?

Cookson: Was wollen die Leute vom Sport? Sie wollen Authenzität, sie wollen Integrität, sie wollen sicher sein, dass die Athleten, die sie unterstützen, egal in welcher Sportart, einen guten Job machen und das innerhalb der Regeln. Die Dinge, die im Radsport falsch gelaufen sind, hatten vor allem in Deutschland eine große Auswirkung. Die Wahrnehmung war, dass die Leute im Radsport betrügen. Wir hatten viel Arbeit damit, die Integrität, die Reputation unseres Sports wiederherzustellen. Wir haben das getan, in dem wir sehr eng mit den Anti-Doping-Agenturen zusammengearbeitet haben, um neue Verfahren zu etablieren und gute Beziehungen mit diesen Agenturen und der Welt-Anti-Doping-Agentur herzustellen. Wir sind jetzt in einer Situation, in der die Glaubwürdigkeit und die Authenzität unseres Sports wiederhergestellt sind.

Sie haben den Anti-Dopingkampf in die Hände der Cycling Anti Doping Foundation (CADF) gelegt. Wie arbeitet die?

Cookson: Die CADF ist ein unabhängiges, mit der UCI assoziiertes Organ, an das wir alle Maßnahmen in diesem Bereich delegiert haben. Sie arbeitet eng mit den Nationalen Anti-Doping-Behörden und der WADA zusammen. Aber sie hat auch die Kapzitäten mit der Polizei, Steuerbehörden und dem Zoll zusammenzuarbeiten. Es ist offensichtlich, dass es beim Doping nicht alleine um den Athleten oder die Leute in seinem Umfeld geht, sondern man sehr schnell in Bereiche wie Geldwäsche, die Verschreibung gestohlener Medikamente oder Steuerhinterziehung vorstößt. Man muss deshalb mit den staatlichen Autoritäten zusammenzuarbeiten, um dann schließlich Individuen oder Teams zu überführen.

Zuletzt hat es eine ganze Menge Wirbel um das Team Sky gegeben. Die britische Anti-Doping-Agentur (UKAD) hat Untersuchungen eingeleitet, es gab undurchsichtige Medikamentenlieferungen und umstrittene medizinische Ausnahmegenehmigungen. Wie bewerten sie, als langjähriger Präsident des britischen Verbandes diesen Fall?

Cookson: Für mich ist das Team Sky nicht anders als andere Teams. Sie unterliegen alle der gleichen Überprüfung, sie müssen alle die gleichen Regeln befolgen und sie werden alle gleich behandelt, wenn sie sich an diese Regeln nicht halten. Ich möchte abwarten, was die Untersuchung der UKAD ergibt. Und je früher es ein Ergebnis gibt desto besser.

Aber schaden diese Dinge nicht der Glaubwürdigkeit, die sie gerade beschworen haben?

Cookson: Jede Kontroverse in dieser Art ist nicht hilfreich für die Glaubwürdigkeit des Sports. Es ist nicht gut, wenn eines der Top-Teams derart in Frage steht. Aber das Team Sky hat sich selbst verteidigt. Ich bin nicht deren Sprecher. Ich kann nur nochmal sagen, dass sie die gleiche Verantwortung für die Integrität des Radsports haben wie alle anderen auch.

Der Fall Bradley Wiggins, der eine medizinische Ausnahmegenehmgung (TUE) für das stark leistungssteigerndes Medikament Kenacort erhalten hat, hat eine Kontroverse über diese TUEs ausgelöst. Fahrer wie der dreimalige Toursieger Chris Froome verlangen von der UCI die Regeln diesbezüglich zu verschärfen. Wird die UCI reagieren?

Cookson: Ich kann die TUE für Bradley Wiggins nicht kommentieren, denn das war vor meiner Zeit als UCI-Präsident. Was ich sagen kann ist, dass wir seit dieser Zeit den Prozess für solche Ausnahmegenehmigungen verändert haben. Wir haben diesen Prozess verschärft und an die Cycling Anti Doping Foundation übergeben, so dass dieser Prozess jetzt unabhängig von der UCI ist. Für jede TUE müssen nun drei verschiedene Ärzte darin übereinstimmen, dass diese Ausnahmegenehmigung akzeptabel ist. Die Folge ist, dass inzwischen erheblich weniger TUEs beantragt werden.

Aber sollte ein Fahrer, der ein leistungssteigerndes Präparat wie Kencort nehmen muss, überhaupt Rennen fahren dürfen?

Cookson: Ich verstehe, was sie meinen. Aber ich bin kein Wissenschaftler oder Arzt. Wir haben die Regeln so sehr verschärft, wie wir es innerhalb des WADA-Codes konnten. Wenn wird das nicht täten, könnte uns jeder Fahrer bei einer Sperre vor den Internationalen Sportsgerichtshof CAS bringen und würde dort wahrscheinlich gewinnen. Ich bin sicher, dass die WADA ständig die Substanzen und die Prozesse überprüft. In diesem Fall wurde dem damals gültigen Verfahren gefolgt und diese Ausnahmegenehmigung erteilt.

Eines der Medikamente, das die WADA überprüft ist Tramadol, ein starkes Schmerzmittel, dem man auch einen leistungsteigernden Effekt nachsagt. Die UCI setzt sich seit langem vergeblich für ein Verbot ein. Sie haben angedeutet, dass Medikament eventuell im Alleingang im Radsport zu verbieten. Wird die UCI diesen Schritt gehen?

Cookson: Mir widerstrebt es, eine Substanz außerhalb des WADA-Codes auf die Verbotsliste zu setzen. Was wir tun können ist, immer wieder einen Vorstoß diesbezüglich bei der WADA zu machen und ihnen klarmachen, dass wir unglücklich darüber sind, dass es immer noch nicht auf der Verbotsliste steht. Wir werden das Thema immer wieder an die WADA herantragen.

Ein anderes Problem ist Motordoping. Vor acht Jahren, als das Thema erstmals aufkam, haben die Leute darüber gelacht. Im vergangenen Jahr wurde es dann auf einmal sehr ernst genommen und es gab eine Menge Kontrollen. Wie groß war und ist die Gefahr?

Cookson: Zunächst einmal finde ich den Begriff "Motordoping" falsch. Wir bevorzugen es, von technischem Betrug zu sprechen. Wir wissen, dass es diese Art von Technologie, einen Motor im Rahmen zu verstecken existiert. Also müssen wir etwas tun, was die Integrität unseres Sports schützt. Fakt ist, bis vor vier Jahren hatten wir nicht mal irgendwelche Regeln in Kraft, die das verhindert hätten. Wir hatten keinerlei Sanktionen für diejenigen, die möglicherweise auf diese Art und Weise betrogen haben. Jetzt haben wir sehr, sehr empfindliche Strafen zur Hand. Wir haben eine Test-Methode entwickelt, die sehr einfach benutzt werden kann und die funktioniert. Wir haben im vergangenen Jahr über 20.000 Räder getestet. In diesem Jahr werden es ebenso viele, wenn nicht sogar mehr sein. Damit setzen wir ein klares Signal an die Leute, die diese Art von Betrug in Erwägung ziehen. Und wenn jemand damit in der Vergangenheit durchgekommen sein sollte, wird er das in Zukunft nicht mehr tun.

Im Herbst stellen sie sich erneut zur Wahl als UCI-Präsident. Nach dem zu urteilen, was Sie uns hier geschildert haben, sind Sie mit der Bilanz ihrer ersten vier Jahre sehr zufrieden. Dennoch kandidiert ihr Vize-Präsident David Lapartient gegen Sie. Er wirft Ihnen mangelnde Führungskraft vor. Wie passt das zusammen?

Cookson: Das ist etwas, was Sie ihn fragen müssen. Er war als Vize-Präsident an allen Diskussionen beteiligt, die wir geführt haben. Er ist ein ambitionierter junger Mann. Vielleicht hat er das Gefühl, dass er etwas Neues anzubieten hat. Mein Gefühl ist, dass er noch nicht soweit ist und dass für mich noch nicht der Zeitpunkt gekommen ist aufzugeben. Vor vier Jahren war der Radsport in einem desaströsen Zustand. Jemand musste aufstehen und sagen: Es reicht. Dieser jemand war ich. Niemand anderes war dazu bereit. Ich wurde gewählt, um Konsens herzustellen. Das ist schwieriger als auf den Tisch zu hauen und zu sagen, so wird es gemacht. Das ist auch nicht mein Verständnis von Führungsstärke. Ich bin jedenfalls daran interessiert und voller Enthusiasmus die Dinge, die wir aufgebaut haben, weiter voranzutreiben. Und ich glaube, dass ich der richtige Mann für den Job bin.

Das Gespräch führten Bernd Arnold, Sebastian Krause und Michael Ostermann

Stand: 01.07.2017, 15:06

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