Tour de France - Martin unrhythmisch im Regen

Tony Martin

Zeitfahrweltmeister verpasst Gelb

Tour de France - Martin unrhythmisch im Regen

Von Michael Ostermann, Düsseldorf

Im Regen von Düsseldorf lösen sich Tony Martins Hoffnungen auf das Gelbe Trikot auf. Aber der Zeitfahrweltmeister ist nicht der einzige, der Deutschland mit der Tour de France enttäuscht verlässt.

Die Enttäuschten fanden sich einer nach dem anderen an Tor 1 der Düsseldorfer Messe ein - etwa 150 Meter hinter dem Ziel. Es waren einige, die dort unter dem Dach ein wenig Unterschlupf vor dem Regen suchten und sich erst einmal sammeln mussten, um das Ergebnis dieses Zeitfahrens zu verarbeiten. Allen voran Tony Martin, der sich schwer schnaufend auf einem Stuhl wiederfand, umringt von Kameras und Mikrofonen, den Helm noch auf dem gesenkten Kopf.

Im Niemandsland

"Die acht Sekunden muss ich jetzt erstmal verarbeiten", sagte Martin, als er wieder ein wenig zu Atem gekommen war. Acht Sekunden fehlten ihm am Ende auf den Sieg und damit das Gelbe Trikot, das sich nun der Brite Geraint Thomas vom Team Sky überstreifen lassen durfte. 16:12 Minuten hatte Martin für die 14 Kilometer gebraucht. Am Ende reichte das nur für Platz vier.

Um 18.22 Uhr war der 32 Jahre alte Zeitfahrweltmeister auf die Strecke gegangen unter dem tosenden Jubel der 550.000 Fans entlang der Strecke, die Martin offenbar am liebesten ins Gelbe Trikot geschrien hätten. "Es war so laut, dass ich den Funk nicht hören konnte", berichtete Martin später über den Lärm. "Ich war im Niemandsland."

Tatsächlich befand er sich in Düsseldorf auf regennassen Straßen, die stellenweise gefährlich rutschig waren. Für einen Fahrer wie Martin, der über lange Strecken ein gleichmäßig hohes Tempo fahren kann, sind solche Bedingungen Gift. Denn weil er die Kurven nur mit geringerer Geschwindigkeit ansteuern konnte als sonst, musste er immer wieder neu beschleunigen. Ein kraftraubender Akt.

Wie in Utrecht

"Der Regen hat es natürlich sehr unrhythmisch gemacht für mich. Genau das worauf ich mich gefreut hatte, dass es viele Geradeausstücke gibt, auf denen man seinen Rhythmus finden kann, hatte sich durch den Regen erledigt", sagte Martin. "Das hat mir das Genick gebrochen." Bei der Zwischenzeit nach 8,1 Kilometern hatte Martin noch an der Spitze gelegen, auch sechs Kilometer vor dem Ziel war er noch der Schnellste gewesen. Doch dann ging ihm auf den letzten Kilometern die Luft aus.

Vor zwei Jahren beim Grand Départ der Tour 2015 in Utrecht war Martin schon einmal als großer Favorit in das Auftaktzeitfahren gegangen. Damals hatte er das Gelbe Trikot um fünf Sekunden verpasst und dem Australier Rohan Dennis überlassen müssen. Dessen Fehlen in Düsseldorf hatte die Chance darauf, dass es diesmal klappen könnte, gesteigert. Doch dann begann es pünktlich mit dem ersten Fahrer stärker zu regnen und hörte erst wieder auf, als der Tourtross begann, zusammenzupacken.

Zahlreiche Stürze

Der Regen sorgte auch dafür, dass manch einer der Fahrer, denen im Vorfeld gute Chancen auf eine vordere Platzierung zugetraut worden war, lieber auf jedwedes Risiko verzichtete, um sicher ins Ziel zu kommen. "Das ist eine schmale Linie", sagte der Schweizer Stefan Küng, der sich an Tor 1 trotz seines zweiten Platzes selbst zu den Enttäuschten zählte. "Man kann natürlich voll auf Angriff fahren, aber man hat ja gesehen, es sind einige Fahrer gestürzt. Und wenn das passiert, dann hat man gar nichts."

Auch Tony Martin war das nicht entgangen. Die ersten zwei Stunden des Rennens hatte er am Fernseher verfolgt und dabei miterlebt, wie immer wieder Fahrer auf dem Asphalt gelandet waren. "Das hat einen arg eingeschüchtert", gestand er später. Am schlimmsten erwischte es den Spanier Alejandro Valverde, dessen Rad in einer Linkskurve hinter der Rheinkniebrücke wegrutschte. Valverde krachte danach mit hoher Geschwindigkeit in eine Barriere und blieb mit gebrochener Kniescheibe liegen. Seine Tour ist damit bereits beendet.

Froome der Beste der Favoriten

Das dürfte auch Nairo Quintana bekümmern. Denn der Kolumbianer büßt damit seinen wichtigsten Helfer im Kampf um den Gesamtsieg ein. Dieser Verlust dürfte sogar noch schwerer wiegen als die 32 Sekunden, die er nach den ersten 14 Kilometern nun schon Rückstand auf Titelverteidiger Christopher Froome hat. Der Brite war 16 Sekunden hinter seinem Teamkollegen Geraint Thomas ins Ziel gekommen und damit als Schnellster der Mitfavoriten.

Auch der Australier Richie Porte, ebenfalls als Sieganwärter gehandelt, war 31 Sekunden langsamer als Froome. Dessen Team Sky platzierte vier Fahrer unter die ersten acht und widerlegte damit all jene, die in den vergangenen Tagen vor dem Start der Rundfahrt behauptet hatten, dass die Mannschaft in diesem Jahr weniger dominant sei.

Stand: 01.07.2017, 20:21

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